Nippes
Femizid 6
2013
0:00/1:34
Triggerwarnung: Im Folgenden geht es um Femizide und patriarchale Strukturen. Es werden Details zu struktureller Diskrimierung aufgrund des Geschlechts und sexualisierte Gewalt an Frauen thematisiert. Außerdem wird die Tötung von Frauen und Kindern angesprochen.
__________________________________________________________
Kölner Stadtanzeiger. Urteil in Köln: 10 Jahre Haft für Gürkan S.. Stand 22.8.2014, 16:33 Uhr.
Gürkan S. muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Monika Grave-Herkenrath, die Vorsitzende Richterin der 5. Großen Hilfsstrafkammer des Landgerichts, verkündete am Freitagnachmittag das Urteil und verurteilte den 34-jährigen Familienvater wegen Totschlags. „Die Tat ist unfassbar und durch nichts zu entschuldigen“, sagte sie. Die Kammer bewerte das Tötungsdelikt jedoch als Totschlag, da sie Mordmerkmale wie niedrige Beweggründe während der Hauptverhandlung nicht feststellen konnte. „Es war eine spontane Tat, aus einer hochemotionalen Situation heraus.“ Gürkan S. hat seine Frau Hümeyra am Abend des 25. November 2013 im Streit mit zwei Schüssen in den Kopf am Rheinufer getötet.
Danach hat er seine beiden Kinder (heute zwei und fünf Jahre alt) zu Verwandten in die Türkei gebracht und sich zwei Tage später der deutschen Polizei gestellt. Dass er sich gestellt hat und ein Geständnis abgelegt hat, wertete die Kammer zu seinen Gunsten. „Dass die Türkei einen Staatsbürger ausliefert, war nicht zu erwarten“, sagte die Richterin. „Es ist ihm hoch anzurechen, dass er freiwillig zurückkehrt ist – in dem Wissen, was ihn hier erwartet.”
__________________________________________________________
Dieser Fall ist ein Femizid mit den Merkmalen eines Intimizides, also der Tötung einer Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner.
Wir haben mit Lilith Rein, Vorsitzende der Feminist Law Clinic e.V. aus Köln geredet. „Die Feminist Law Clinic ist ein interdisziplinäres Team, das sich für gerechte, niedrigschwellige und kostenfreie Rechtsberatung einsetzt – besonders für Frauen und queere Personen. [Sie] organisieren Workshops, bieten rechtliche Beratung an und entwickeln eine eigene Ausbildung für feministische Rechtsberatung. Dabei arbeiten [sie] mit Anwält*innen, Psycholog*innen, Awareness-Teams und anderen Initiativen zusammen.” (Feminist Law Clinic, o.D.a)
Lilith Rein hat sich die Zeit genommen, uns einige Fragen zu beantworten. Im Folgenden wird das schriftliche Interview wortwörtlich nachgesprochen.
Welche Arten von sexualisierter Gewalt begegnen dir beziehungsweise euch bei der Arbeit?
„Uns begegnen sehr unterschiedliche Formen sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt. Dazu gehören Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe, sexuelle Belästigung, Stalking, digitale Gewalt, Drohungen, Kontrolle, psychische Gewalt und Gewalt in Partnerschaften oder Ex-Partnerschaften. Sehr häufig geht es nicht nur um eine einzelne Tat, sondern um länger andauernde Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse.
Viele Betroffene berichten von Kontrolle, Einschüchterung, Manipulation oder dem Gefühl, dass ihre Grenzen systematisch missachtet wurden. Auch Fälle, in denen Betroffene erst nach und nach verstehen, dass das Erlebte Gewalt war, kommen immer wieder vor.
In unserer Beratung geht es deshalb oft nicht nur um Strafrecht, sondern auch um Gewaltschutz, Familienrecht, Sorge- und Umgangsfragen, Unterhalt, Nebenklage oder Fragen dazu, wie Betroffene sich vor weiterer Gewalt schützen können. Daher verweisen wir eigentlich immer auch auf psychosoziale Unterstützungsangebote.” (L. Rein, persönliche Kommunikation, 08. Juli 2026)
Welche patriarchalen Strukturen sind in Beziehungen für Frauen gefährlich?
„Gefährlich sind vor allem Machtungleichgewichte, Kontrolle und Abhängigkeiten. Dazu gehören finanzielle Abhängigkeit, emotionale Abhängigkeit, gemeinsame Kinder, eine gemeinsame Wohnung, sozialer Druck oder die Angst, nicht geglaubt zu werden. In gewaltvollen Beziehungen wird Kontrolle oft schrittweise aufgebaut.
Patriarchale Beziehungsvorstellungen können diese Dynamiken verstärken. Wenn Betroffenen vermittelt wird, sie müssten Beziehungen um jeden Preis retten, Verständnis haben, Konflikte aushalten oder sich für das Verhalten ihres Partners verantwortlich fühlen, wird es für sie schwerer, Gewalt als solche zu erkennen und sich Hilfe zu holen.
Besonders gefährlich wird es, wenn Trennung als Kontrollverlust erlebt wird. Viele gewalttätige Dynamiken eskalieren gerade dann, wenn Betroffene sich trennen wollen oder bereits getrennt haben. Deshalb müssen Schutz, Sicherheit und rechtliche Handlungsmöglichkeiten immer zusammen gedacht werden.” (L. Rein, persönliche Kommunikation, 08. Juli 2026)
Vielen Dank sowohl für die ausführlichen Antworten Lilith Rein als auch für die wichtige Arbeit der Feminist Law Clinic Köln. Weiterführende Informationen gibt es unter www.feministlawclinic.de (Feminist Law Clinic, o.D.b.).
__________________________________________________________
Wenn ihr selbst oder jemand in eurem Umfeld von Gewalt betroffen ist, oder ihr Angst vor zukünftiger Gewalt habt, wendet euch an Hilfestellen.
Es gibt kostenlose, nationale Hilfsangebote wie das Opfertelefon des Weißen Rings. Hier können sich sowohl Opfer als auch Angehörige melden. Die Nummer ist 116 006.
Auch das Hilfetelefon ‘Gewalt gegen Frauen’ steht unter der 116 016 oder online 24std zur Verfügung.
Außerdem gibt es lokale Hilfestellen hier in Köln, wie die Feminist Law Clinic für kostenlose Rechtsberatung, oder die Frauenberatungsstelle des FrauenLeben e.V.. Alle Details zu den einzelnen Angeboten findet ihr nochmal auf der Webseite des Projekts: unter femizide-koeln.framer.website/hilfestellen.
Nachrichtenquelle:
Schminke, C. (2014, 22. August). Urteil in Köln: Zehn Jahre Haft für Gürkan S. Kölner Stadt-Anzeiger. Abgerufen am 1. Juli 2026, von https://www.ksta.de/koeln/urteil-in-koeln-zehn-jahre-haft-fuer-guerkan-s-244942
Literatur:
Feminist Law Clinic. (o.D.a). Über uns. Feminist Law Clinic. Abgerufen am 08.07.2026 von https://www.feministlawclinic.de/ueber-uns
Feminist Law Clinic. (o.D.b.). Kostenlose Rechtsberatung. Feminist Law Clinic. Abgerufen am 08.07.2026 von https://www.feministlawclinic.de/
Femizid 11
2021
0:00/1:34
Triggerwarnung: Im Folgenden geht es um Femizide und patriarchale Strukturen. Es werden Details zu struktureller Diskrimierung aufgrund des Geschlechts und sexualisierte Gewalt an Frauen thematisiert. Außerdem wird die Tötung von Frauen und Kindern angesprochen.
__________________________________________________________
Westdeutscher Rundfunk, Stand 10.11.2025, 17:03 Uhr: Mutter und Sohn ermordet. Die Geschichte von Derya und Kian aus Köln von Helena Kaufmann.
Derya Seyhun lebt mit ihrem 4-jährigen Sohn Kian bei ihrem Vater in Köln-Kalk. Sie studiert und jobbt nebenbei, erzieht den Jungen allein. Als Kian immer öfter nach seinem Vater fragt, will die 24-Jährige ihm den Kontakt nicht länger verwehren und meldet sich bei Anil G., Kians Vater. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Anil G. nichts von einem Kind. Er will bald heiraten und unbedingt verhindern, dass seine Eltern und die zukünftige Frau von Kian erfahren. Am 14. November 2021 treffen sich Derya Seyhun und Kian mit Anil G. am Niehler Hafen in Köln. Seyhun glaubt, dass G. seinen Sohn kennenlernen möchte. Doch sein Plan ist ein anderer: Er lockt die beiden an den Rhein, um sie zu töten. Einen Tag später, am Vormittag des 15. November 2021, wird eine Frauenleiche aus dem Rhein geborgen. Es folgt die traurige Gewissheit: Es ist Derya Seyhun. Anil G. wird festgenommen, noch bevor die Leiche von Kian am Dienstag, dem 16. November 2021, aus dem Rhein bei Köln-Worringen gezogen wird. Anil G. wird zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt.
__________________________________________________________
Dieser Fall ist ein Femizid mit den Merkmalen eines Intimizides, also der Tötung einer Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner.
Wir haben mit Lilith Rein, Vorsitzende der Feminist Law Clinic e.V. aus Köln geredet. „Die Feminist Law Clinic ist ein interdisziplinäres Team, das sich für gerechte, niedrigschwellige und kostenfreie Rechtsberatung einsetzt – besonders für Frauen und queere Personen. [Sie] organisieren Workshops, bieten rechtliche Beratung an und entwickeln eine eigene Ausbildung für feministische Rechtsberatung. Dabei arbeiten [sie] mit Anwält*innen, Psycholog*innen, Awareness-Teams und anderen Initiativen zusammen.” (Feminist Law Clinic, o.D.a)
Lilith Rein hat sich die Zeit genommen, uns einige Fragen zu beantworten. Im Folgenden wird das schriftliche Interview wortwörtlich nachgesprochen.
Für welche Frauen ist das Projekt besonders hilfreich?
„Besonders hilfreich ist das Projekt für Frauen und Betroffene, die sich anwaltliche Beratung nicht leisten können oder noch nicht wissen, ob sie diesen Schritt gehen möchten. Viele brauchen zunächst eine Orientierung: Was ist rechtlich überhaupt möglich? Was sind die nächsten Schritte? Welche Risiken gibt es?
Wichtig ist die FLC auch für Personen, die schlechte Erfahrungen mit Behörden, Polizei, Gerichten oder anderen Institutionen gemacht haben und deshalb Hemmungen haben, sich Hilfe zu holen. Das betrifft zum Beispiel Betroffene von sexualisierter Gewalt, häuslicher Gewalt, Stalking, digitaler Gewalt oder Diskriminierung.
Besonders vulnerabel sind außerdem Betroffene, die mehrfach marginalisiert sind, etwa wegen Rassismus, Behinderung, Armut, Aufenthaltsstatus, Queerfeindlichkeit oder Transfeindlichkeit. Für sie sind rechtliche Zugänge oft noch schwerer, weil mehrere Ausschlüsse zusammenkommen. Die FLC berät grundsätzlich alle Betroffenen von Gewalt und Diskriminierung, aber unser feministischer Ansatz nimmt solche Machtverhältnisse ausdrücklich mit in den Blick.” (L. Rein, persönliche Kommunikation, 08. Juli 2026)
Welche patriarchalen Strukturen werden bei den Anfragen sichtbar? Welche gesellschaftlichen Probleme und welcher Alltagssexismus treten immer wieder auf?
„In den Anfragen wird sehr deutlich, dass Gewalt und Diskriminierung nicht isoliert passiert, sondern in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet ist. Immer wieder sehen wir, dass Betroffene sich rechtfertigen müssen: Warum bist du nicht gegangen? Warum hast du nicht früher etwas gesagt? Warum hast du dich nicht stärker gewehrt? Diese Fragen verschieben Verantwortung von der gewaltausübenden Person auf die betroffene Person.
Ein wiederkehrendes Problem ist auch, dass Betroffenen nicht geglaubt wird oder dass ihre Erfahrungen bagatellisiert werden. Sexualisierte Gewalt wird noch immer oft nur dann als „echte“ Gewalt verstanden, wenn sie bestimmten Klischees entspricht: fremder Täter, körperliche Gegenwehr, sichtbare Verletzungen, sofortige Anzeige. Die Realität sieht aber häufig anders aus. Gewalt passiert oft im sozialen Nahbereich, in Beziehungen, in Abhängigkeitsverhältnissen oder durch bekannte Personen.” (L. Rein, persönliche Kommunikation, 08. Juli 2026)
Vielen Dank sowohl für die ausführlichen Antworten Lilith Rein als auch für die wichtige Arbeit der Feminist Law Clinic Köln. Weiterführende Informationen gibt es unter www.feministlawclinic.de/ (Feminist Law Clinic, o.D.b.).
_____________________________________________________________
Wenn ihr selbst oder jemand in eurem Umfeld von Gewalt betroffen ist, oder ihr Angst vor zukünftiger Gewalt habt, wendet euch an Hilfestellen.
Es gibt kostenlose, nationale Hilfsangebote wie das Opfertelefon des Weißen Rings. Hier können sich sowohl Opfer als auch Angehörige melden. Die Nummer ist 116 006.
Auch das Hilfetelefon ‘Gewalt gegen Frauen’ steht unter der 116 016 oder online 24std zur Verfügung.
Außerdem gibt es lokale Hilfestellen hier in Köln, wie die Feminist Law Clinic für kostenlose Rechtsberatung, oder die Frauenberatungsstelle des FrauenLeben e.V.. Alle Details zu den einzelnen Angeboten findet ihr nochmal auf der Webseite des Projekts: unter femizide-koeln.framer.website/hilfestellen.
Nachrichtenquelle:
Kaufmann, H. (2025, 10. November). Mutter und Sohn ermordet: Die Geschichte von Derya und Kian aus Köln. WDR. Abgerufen am 2. Juli 2026, von https://www1.wdr.de/freizeit/true-crime/derya-seyhun-koeln-femizide-stoppen-100.html
Literatur:
Feminist Law Clinic. (o.D.). Über uns. Feminist Law Clinic. Abgerufen am 08.07.2026 von https://www.feministlawclinic.de/ueber-uns
Feminist Law Clinic. (o.D.b.). Kostenlose Rechtsberatung. Feminist Law Clinic. Abgerufen am 08.07.2026 von https://www.feministlawclinic.de/